Ständige Betten
Irmgard Gottschlich zeichnet auf Papier,
auf Alltagsgegenständen wie Betten, Tische oder
Stühle, mit Farb –und Bleistift. Klassisch zurückhaltend
scheinen ihre Zeichnungen auf den ersten Blick. Selten
verwendet die Künstlerin Farbe, wenn dann Blau und
Rot vorwiegend.
Der zweite Blick bleibt unweigerlich
haften. Zuviel strömt am Anfang auf den Betrachter
ein. Es sind Liebesszenen, Fabeltiere, Fragmente aus
Mythen, Riten oder Dinge aus dem Alltäglichen, sowie
Tiermotive und Naturelemente zu sehen.

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Alles ist miteinander verwoben – untrennbar
voneinander, aber dennoch zusammenhanglos dargestellt.
Als Betrachter sucht man nach einem Leitfaden, der die
einzelnen Fragmente zu einem Ganzen zusammenführt.
Das Scheitern ist vorprogrammiert.
Die Künstlerin zeichnet ohne ein
festes Konzept oder Vorlagen – frei und intuitiv. Sie zeichnet
aber nicht aus dem sogenannten Bauch heraus, wie es den
Frauen gerne zugeschrieben wird, dafür sind die Zeichnungen
zu sehr bestückt mit Intellekt, Wissen und Lebenserfahrungen.
Irmgard Gottschlichs Zeichnungen sind ein Zwischen von
Traum, Fantasie und Wirklichkeit, von Erlebtem und Riten
und Mythen, von Fiktion und Realität oder Alltäglichem
und Irrationalem.

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Der Intellekt des Betrachters verlangt
hingegen nach Struktur und möchte ein- u. zuordnen,
Querverbindungen schaffen. Schnell stellt er fest, daß diese
Methode für Gottschlichs Zeichnungen nicht greifen.
Er muß sich einlassen.
Konzentriert er sich zunächst auf
die Motive Frau und Wolf, so können Zusammenhänge
herausgehoben werden. Die Darstellungen von Frau im natürlichen
Sinne und der wilde Wolf haben vieles miteinander gemeinsam:
die Akkuratheit ihres instinktiven Feingefühls, eine
Vorliebe für alles Spielerische und eine schier unverrückbare
Loyalität. Beide Gattungen sind von Natur aus beziehungsorientiert,
sie schnüffeln gern neugierig herum, sie sind wißbegierig,
spitzfindig, zäh, anpassungsfähig, standhaft
und in Krisensituationen beweisen beide todesmutigen Siegeswillen.
Sowohl die natürliche Frau wie auch der wilde Wolf
werden seit langem auf bemerkenswert ähnliche Weise
von den moralpredigenden Weltverbesserern verleumdet und
ausgemerzt.
Es ist deshalb kein Zufall, daß wildwuchernde Naturgebiete mit
der gleichen Geschwindigkeit schwinden, wie die Erinnerung an unser innewohnendes
Wildwesen nachläßt.
Das Bedrohliche und Riskante, von dem
der Mensch bei einer Begegnung mit dem wilden Tier oder
der wilden Natur normalerweise ausgeht, löst die Künstlerin
in ihren Zeichnungen völlig auf.
Die Natur- und Tiermotive können
als Sinneswerkzeuge des Menschen für die ursprüngliche
Qualität, die es zurückzugewinnen gilt, verstanden
werden. So könnte es sein, daß der Wolf und
andere Tiermotive für die verloren gegangenen Urinstinkte
der natürlichen Frau stehen. Dabei will bedacht sein,
daß die Zeichnungen weder wörtlich noch abbildlich
zu verstehen sind. Die Künstlerin beschreibt einen
eigenen ZUstand, der zwischen diesen Polen liegt. Es ist
ein vollkommenes ZUsammenspiel mit allen Elementen.
In manchen Zeichnungen sind sexuelle Begegnungen
oder fantasievoll ausgeschmückte Geschlechtsorgane
zu sehen. Von unserer gesellschaftlichen Betrachtungsweise
ausgehend werden sie fälschlicherweise als pornografisch
beschrieben. Unsere westliche Gesellschaft verbindet damit
ein dreckiges oder obszönes Wort, es ist ausschließlich
mit negativen Assoziationen belegt.
In der Zeit der kultischen Verehrung von Fruchtbarkeitsgöttinen
und anderen weiblichen Gottgestalten gab es keinen Aspekt der Sexualität,
der nicht als heilig galt.
Was manche heute für vulgär, obszön und primitiv halten,
galt als naturgegebener Bestandteil eines grundsätzlich göttlichen
Ganzen. Mit dem gleichen unschuldigen Humor befreit sich die Künstlerin
von den gesellschaftlichen Normen, sowie von der durch Religion/Kirche
auferlegten Zwängen, die immer noch für das 21. Jh. gelten.
Die Zeichnungen leben von übergängigem
Wechsel von faktischen und symbolischen Elementen. Willkürlich
fließt alles zusammen. Aus unzusammenhängenden
Bild– und Gestaltungselementen entsteht ein Lebens-Happening
aus Realität, Traum und Wunsch. So erzählen die
Zeichnungen von einer märchenhaften Zeit der Anfänge,
und sie erzählen von Einbrüchen des Übernatürlichen
in die Welt, die sie so gemacht haben, wie sie heute ist.
Und immer wieder erscheint die Frau in paradiesischen Zuständen.
Der Mythos an sich, so schreibt Herr Eliades
im Jahr 1963, ist eine heilige und daher wahre Geschichte.
Er bezieht sich stets auf Realitäten, leitet sie von
ihnen ab, bewahrt sie auf. Der Mythos ist die Grundlage
aller Riten, die die profane Zeit aufheben und die mythische
Zeit rekonstruieren.

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Heute sind immer noch der Wolf und die
selbstbestimmte Frau mit den Atributen bösartig, unersättlich
und gefährlich belegt, in der heiligen Geschichte
gleichen sie oftmals einer Gottheit. Der Mythos propagiert
die Rückkehr zur Vollkommenheit und der Ursprünge,
und zwar aus Kritik an den geschichtlichen Entartungen.
Die Künstlerin Irmgard Gottschlich
bewahrt die Quelle der Inspiration vor den durch die Industriealisierung,
Technisierung und den Konsum bedingten Austrocknungen,
indem sie wieder an die ursprünglichen Visionen anknüpft,
die eine Synthese sinnlicher Wahrnehmung und geistiger
Repräsentation bedeutet.
Petra Jäger, Kulturmanagerin
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