"Harald Finkes Subdialoge"Text von
Lothar Romain -
als Einführungsrede zur Ausstellung „Subdialog-Skulptur“
im Kunstverein Springhornhof, Neuenkirchen, 4.3.1995
1986 hat Harald Finke zusammen mit Carl Vetter die Sommerausstellung
des Kunstvereins Springhornhof gestaltet. Ein wesentlicher Teil
der Ausstellung fand im Freien statt, genauer: in einem kleinen
Walddreieck, man könnte sagen: einem Waldhain in mitten
von Feldern und Wiesen, wohin sich die Natur zurückgezogen
zu haben scheint. Die Stelle ist nicht allzuweit von hier. Und
noch heute kann man eine der behutsamen Installationen von Harald
Finke dort sehen. Einer Eiche gegenüber hat der Künstler
eine Hülle aus Stahlstäben geformt, nach oben sich
verjüngend wie der Baumstamm und mit einem Spalt an einer
Seite, so dass man nicht nur hineinsehen, sondern vor allem sich
auch hineinstellen kann – ein Rückzugsort der Kontemplation
nicht nur, für Finke vor allem auch ein Ort der Ansprache,
des Dialoges. Einmal soll man sich, wenn man sich in die Hülle
stellt, wie ein Stück Baumnatur fühlen, wie der pulsierende
Kern, der von der Rinde geschützt wird, zum anderen ist
es die Aufforderung, mit dem gegenüberstehenden Baum ein
Zwiegespräch zu beginnen.
Der Baum wird, das wissen wir schon lange, darauf antworten.
Pflanzen lassen sich von ihrer Umwelt zu Reaktionen animieren,
blühen auf oder verwelken. Wir können das beobachten,
wobei viele Zufälligkeiten hineinspielen mögen, wir
können das aber auch längst schon mit unserem feinsten
technischen Instrumentarium messen, die Lebens- oder „Gehirn“-ströme
der Pflanzen, die sich bei Ansprache verändern.
Schon 1986 hatte Harald Finke den Baum mit Elektroden abgetastet
und die schwankenden Ströme hörbar gemacht. Auch
in dieser Ausstellung finden wir eine solche Versuchanordnung
(„Zungen-Paraklet-Generator“), über das Pflanzenreich
hinaus noch ausgeweitet auf die für Finke anderen gleich
eichtigen Bereiche von Mineralien und Tieren. Und selbstverständlich
gehört der Mensch dazu. Tonplatte, Getreidekörner,
ein Behälter mit Regenwürmern und Humus: im wörtlichen
Sinne ein „Akku-Depot“; denn es geht auch hier um Lebens- und
Energieströme, die gemessen und hörbar gemacht werden.
An allen Teilen des „Depots“ sind Elektroden angebracht, die
kleinste Spannungsveränderungen in den einzelnen Energiepartien
messen. Die Werte werden auf einem Monitor aufgezeichnet, wobei
diese via Computer wieder ihnen zugeordnete Worte aus der Sprache
der australischen Ureinwohner, der Aborigines, abrufen.
So werden über einen Transformationsprozeß die unterschiedlichsten,
schwankenden Spannungen zur Sprache gebracht, auch wenn diese
eine geliehene ist, so doch eine atavistische, auf die Ursprünge
des Gemeinsamen zwischen Mensch und Natur verweisend. Natürlich
will der Künstler nicht sprechende Bäume oder Saatgut
oder Tonplatten vorgaukeln, aber doch darauf aufmerksam machen,
dass die wechslenden Oberflächenspannungen Reaktionen von
Energiepotentialen auf komplexe, wenn auch häufig kaum merkbare
Veränderungen der Umweltbedingungen sind, Bewegungen, die
man wie eine Sprache begreifen und sie dank Technik in Laute übersetzen
kann.
Harald Finke geht über diesen Symbolismus entschieden hinaus,
weiß sich dabei gefördert und encouragiert durch viele
das Romantische forttragende und dabei zugleich verändernde
Geister und Künstler, Rudolf Steiner etwa und Joseph Beuys,
der sein Denken aus romantischen Quellen und Steinerschen Anregungen
speiste und nach einem erweiterten Kunstbegriff als Spiegel eines
erweiterten Weltbewußtseins suchte. Zitat Beuys: „Durch
Recherchen und Analysen kam ich zu der Erkenntnis, dass die beiden
Begriffe Kunst und Wissenschaft in der Gedankenentwicklung des
Abendlandes diametral entgegenstehen, dass aufgrund dieser Ttatsache
nach einer Auflösung dieser Polarisierung in der Anschauung
gesucht werden muss und erweiterte Begriffe ausgebildet werden
müssen“.
Diesem Denken und dieser Vorstellung von künstlerischem
Handeln ist auch Harald Finke verpflichtet, nicht nur per Zitat,
wie sie an den Steinerschen Formeln dort sehen, wobei er dem
ursprünglichen Idealismus der Stufenleiter Wollen-Fühlen-Denken
und Trieb-Sinne-Intellekt einen deutlichen Dämpfer verpasst,
indem er dem männlichen Symbol die umgekehrte Reihenfolge
einschreibt, so dass der Trieb Sinne und Intellekt dominiert
– diesem Denken ist Finke also nicht nur in solchen Zitaten,
sondern in der Praxis verpflichtet.
"Reaktionszentrum
I und II",
Holz 16mm, 173x360x216cm,
Eisfabrik, Hannover,
1991
Wie auch schon für Beuys bedeutet die Kunstsprache für
Harald Finke nicht mehr reine Symbolsprache, sondern Teil jenes
großen Versuches, die Realitäten der vier verschiedenen
Wirklichkeitsbereiche ausforschend miteinander Beziehungen (die
jenseits unserer Ratio schon immer bestehen) eingehen zu lassen,
sie zusammen zum Schwingen zu bringen. Insofern ist Ton nicht
Symbol für Erde, sondern eine bestimmte Formation dieser
selbst, hart, wasserundurchlässig, schon im Boden potentielles
Gefäß, wenn er das Wasser am Versickern hindert, aber
eben nicht leblos, nicht ohne wechselnde Spannung, wie die künstlerische
Versuchsanordnung deutlich macht. Und das Getreide ist der Samen
für zukünftiges Werden eines pflanzlichen Individuums,
ist embryonales Leben, potentielles Wachstum, Energie-Depot.
Die einzelnen Teile des jeweils Ganzen werden als sie selbst
und nicht nur symbolisch und stellvertretend für anderes,
größeres vorgestellt. Ein wenig Wasser nur, und die
Spannungen im Getreidehaufen würden ausschlagen, es gäbe
eine gewaltige Bewegung und schließlich buchstäblich
nach dem Ausschlagen der Spannungen das Keimen der Saat.
Nicht zuvörderst Symbol, sondern der Stoff, das so sich
manifestierende Leben selbst: Das kommt auch dadurch zum Ausdruck,
dass der Künstler die Pflanzen und Dinge als sie selbst
lässt, nicht malend oder quetschend oder pressend eingreift,
um sie zu neuen Verbindungen zu mengen beziehungsweise so für
andere Formulierungen vorzubereiten. Für Finke ist die Verwendung
von Fett, wie Beuys das prktizierte, schon zu sehr „Gewalt“,
weil Fett von Pflanzen abgepresst oder aus Fleisch ausgebraten
werden muss, ehe man es als Substanz verwenden kann. Finke wehrt
sich gegen solche Trennungen, die der Vorstellung vom komplexen
Ganzen, das sich in seinen Substanzen offenbart, entgegenstehen.
Fühlen-Denken
und Trieb-Sinne-Intellekt einen deutlichen Dämpfer verpasst,
indem er dem männlichen Symbol die umgekehrte Reihenfolge
einschreibt, so dass der Trieb Sinne und Intellekt dominiert
– diesem Denken ist Finke also nicht nur in solchen Zitaten,
sondern in der Praxis verpflichtet.
Dennoch verzichtet Harald Finke nicht auf Symbolik, wie auch
diese Ausstellung zeigt. Die immer wiederkehrenden Formen des
Ovals, also des Eis und der Linse, sind für ihn zeichen
einer Urform, die sich bei uns als endogene Muster ins Unterbewußtsein
eingegraben haben und immer, wo sie auftauchen, etwa beim alten
VW-Käfer... lassen sie sich schnell in Zeichen jenseits
allen Technischen verwandeln oder zumindest mit mythischem
Potential aufladen.
Die Kunst bedarf der Zeichen und Symbole zur Darstellung. Für
Finke sind sie zunächst Formen des Dialoges, also Instrumente
der Zwiesprache, aus der sie dann zugleich als Zeichen neuer
Kommunikation und eines neuen Bewußtseins hervorgehen.
Um das neue Bewußtsein, das vom Anthropozentrischen fortführt
und den Menschen in den Kosmos der unterschiedlichen, doch zusammengehörigen
Bereiche Mensch, Tier, Pflanze, Stein neu integriert, geht es.
Der künstlerische Akt ist statt des wissenschaftlich-analytischen
zunächst ein dialogischer, subdialogischer, um in der Sprache
von Finke zu bleiben, also offen in Inhalt und Form.
So sind auch die jeweiligen Arbeiten zu verstehen, weder als
bloße Erinnerungen oder Zitate, noch als schon erste fertige
Formulierungen in der Wandlung vom Subdialog zum Dialog, sondern
dazwischen stehend. Sie sind vieles immer zugleich: Verweis auf
endogene Muster, als welches man das Kreuz z.B. jenseits seines
christlichen Symbolgehalts anzusehen hat – ich meine als Form
des gleichmäßigen Teilens, der allseits gleichwinkligen Überschneidung,
also als Grundmuster unserer Ratio, und so ist es ja auch in
dem „Saat-Kreuzer“ hier wahrnehmbar, im Austausch mit dem Wachstumspotential
des Keimgutes -, Verweise auf endogene Muster, Phantasiegebilde
zwischen archaischem Mythos und zukünftiger, kosmischer
Einheit – als solche mag man die Boots- oder Zeltgestelle hier
wahrnehmen, wobei das mit Stroh gefüllte auch wie eineBeschwörung
alternativer Kraft- und Energiepotentiale anmuten kann -, „Monsaattechnik
(das alte Gefährt)“ nennt der Künstler diese Arbeiten
und bestätigt auch mit dieser Titelwahl, was ich mit offener
Form zwischen den alten und den möglichen neuen Bewußtseinsebenen
meinte.
1963-66 Studium an der
Ingenieurschule für
Bauwesen, Hamburg
1967 Studium (Malerei), am East Sydney Technical
College, Sydney, Australien
1969-75Studiuman
der Hochschule für Bildende Künste,
Hamburg bei Franz Erhard Walther und Joseph
Beuys
lebt und arbeitet in Hamburg-Harburg
Aktuelle
AUSSTELLUNG
CAP
Cologne e.V. - HALLE ZEHN Metamorphose. Faszinosum
floralen Wandels
Ausstellungseröffnung:
Fr. 18.6.2010 - 19 Uhr
Begrüßung: Barbara Hoffmann-Johnson, Freie Kuratorin,
Projektbetreuung extra HALLE ZEHN
Einführung: Dr. Sven Nommensen, Kurator der Ausstellung,
Braunschweig
Demonstration der PflanzenSchrift:
Harald Finke
Gruppenausstellung zusammen mit
u.a. Harald Finke | Mariella Mosler | Wolfgang
Laib | Timm Ulrichs | Hermann de Vries | Giuseppe
Penone
Das ist eine bewußt assoziationsträchtige
Titelgebung, die – siehe altes Gefährt – auf den
ursprünglichen Kern der Einheit hinweist. Die Mondsaattechnik
als die phantasievolle, überrationale, sinnliche
Transformation des bloßen Kalküls in eine
neue, größere Einheit.Der Wiederkehr der Grundformen,
des Ovoids und der Linse beziehungsweise der Urblattform,
von der Finke spricht, als notwendige stabilisierende
und auch katalysierende Faktoren in einem völlig
offenen Prozeß entspricht auch der formale Akt,
die Farbe symbolisch einzusetzen: das rostbraune Rot
für Wärme, Energieabgabe, aber auch sich Verzehren,
Oxydieren usw., das Blau, wenn es auftritt, für
das Sphärische, Kosmische.
Farbe mit ihrer direkten Ansprache der Sinne wird von Finke verwendet, um das
Assoziationspotential der offenen Zeichen weiter aufzuladen, nicht im Sinne
einer ästhetischen Sublimierung.
In dieser Hinsicht versteht Finke unter Kunst nicht
mehr ein selbstreflexives System, das immer wieder nur
auf die eigene Geschichte schaut und deren Ergebnisse
durch permanente Veränderung bzw. Sublimierung fortzuentwickeln
versucht, sondern Kunst ist ein sozialer Kommunikations-
und Aktionsbereich, in dem der Mensch sich selbst durch
Natur und als Teil von Natur zu verstehen und auszudrücken
lernt, ein Handlungs- und wohl auch Symbolrahmen, der
die ersten Schritte in ein erweitertes Bewußtsein,
von dem Beuys sprach, konditioniert.
Für Finke wie auch für Beuys und ähnlich
gesinnte Künstler gibt es keine Schublade. Sie agieren
jenseits der Trends und Stile, weil sie nicht auf kunstimmanente
Wirkungen zielen. Mancher mag sie, mag Harald Finke gar
für ein klein wenig verrückt halten, ein Naturfreak,
der mit den Bäumen redet und den Vögeln vorliest.
Gunnar F. Gerlach erinnert in einem Beitrag über
Finke an den heiligen Franziskus und das Staunen, ja
wohl irrtiertes Lächeln seiner Umwelt, als man erfuhr,
dass er den Vögeln, „meinen Geschwistern“, predigte.
"Mondsaattechnik (das alte
Gefährt)",
Kulturforum Wienebüttel, Lüneburg, 1995
„Dialog“ nannte sich die Ausstellung 1986 von Finke
und Vetter, wobei Dialog sowohl die Zusammenarbeit der
beiden Künstler meinte wie auch ihre Art und Weise,
mit den verschiedenen Bereichen der Natur in Dialog zu
treten. „Subdialog-Skulpturen“ nennt Harald Finke seine
heutigen Arbeiten. Noch immer geht es um den angestrebten
Dialog des Menschen mit den Bereichen Pflanze, Stein
und Tier. Doch dieser Dialog hat noch keine festen Formen
gefunden, hat bis jetzt weder eine eigene Grammatik ausgebildet
noch Inhalte in allgemein verständliche Zeichen
und Signale darstellen können. Er ist noch ein Subdialog
wie Subskulptur, also noch in der ersten, gärenden
Weise des Entstehens, ein Aufbrechen, Experimentieren,
auch ein Sich-Wehren gegen Verfestigungen und Übereinkünfte
wie solche, dass es Belebtes und Unbelebtes gäbe
und zwischen beiden zum Menschen hin ein gesichertes
Verhältnis von Subjekt und Objekt. Subdialoge sind
nonverbale Kontaktaufnahmen, gleichsam die Schwingungen
der großen gemeinsamen Seele Natur, die sich in
den verschiedenen Aggretgatzuständen unterschiedlich
bricht. Jedenfalls ist für Harald Finke eines klar
– und das zugleich die Grundlage seiner künstlerischen
Anstrengungen -, dass „alle Daseinsformen bis hin zum
Atom beseelt sind“.
Damit greift er zurück auf romantisches Gedankengut
und – mit diesem – prinzipiell auf mythisches und mystisches,
auf die Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit und
der Hoffnung, diese wiederzufinden. Die Romantik entstand
aus dem Zweifel an der Allmacht des Rationalen und also
nicht primär als eine antirationale, antiaufklärerische
Bewegung, zu der sie später teilweise pervertierte.
Den Romantikern ging es darum, wissenschaftliches Denken
und kreatürliches Sein als Eines zu betrachten.
Die romantische Enzyklopädie, an der Novalis arbeitete,
wollte die Gesamtheit des Wissens im Kontext des Universums
und eben nicht als Einzeldisziplinen rationaler Ausdifferenzierung
verstanden wissen.
Dabei ging es wohl um exakte Beobachtung und Genauigkeit, aber in dem Bewußtsein,
wie Novalis das sagt, dass Alles in Einem und Eines in Allem sei. Um dieses
zu erforschen, mussten die romantischen Helden in die Tiefe der Erde hinabsteigen,
das Mineralienreich zu erforschen und die Einsamkeit der Wälder durchstreifen,
um sich im Naturdom als Individuum und zugleich als Teil des Universums zu
fühlen und zu denken. Die Kunst war für sie das entscheidende Medium,
wo die ersehnte Einheit wenigstens in symbolischer Form sichtbar gemacht werden
konnte.
Im Rückblick war dieses eine weltverändernde
Tat, der Schritt aus der Transzendenz des Mittelalters
in die Diesseitigkeit der Neuzeit. So fing es an, als
man den Satz „Machet Euch die Erde untertan“ sich wieder
ins Gedächtnis zurückrief und als Auftrag auch
an Wissenschaft und Kunst begriff. Allerdings müssen
wir heute mit Schrecken feststellen, wie rabiat, ja pervers
daraus ein Herrschaftsverhältnis samt vielfältigen
Vernichtungsstrategien aufgebaut worden ist.
So mag es denn fast zu spät sein, sich wieder an Tier, Pflanze und Stein
zu wenden, nicht um ihnen zu predigen, sondern um ihnen vorzulesen, um an sie
zu schreiben, um mit ihnen zu dialogisieren – vielleicht zu spät schon,
vielleicht auch schon hilflos als soziale Strategie, aber niemals überflüssig
oder gar lächerlich.